„Der Kirsche auf der Spur“ Der Kirschenerlebnispfad in Witzenhausen

Wer der Sortenvielfalt oder besser dem Verlust der Sortenvielfalt der Kirsche weiter erkunden möchte, kann dies auf dem einzigartigen Kirschenerlebnispfad in Witzenhausen tun.

Auf ca. 5 Km Länge erfährt man die Bedeutung und die Geschichte der Kirsche für die Region.

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Von Kirschen, Kespern, Könniginnen – Vielfalt nutzen und bewahren

Dieser Text entstand mit freundlicher Mithilfe der „Kirschenkönigin“ Sabine Knappe.

Witzenhausen galt bereits im 17/18 Jhr. als Zentrum des hessischen Kirschenanbaus.
„Echte Witzenhüsser“ sind den Früchten eng verbunde,
denn die Kirsche ist mehr als eine Frucht – sie war und ist Einkommen,
ein Bindeglied für die Familie, Tradition, Risiko, Heimat und Identität.

Der Jahresurlaub war für die Kirschen da, zu dieserZeit gab es nichts Wichtigeres:
„Da wird sofort gepflückt. Da muss man am Ball bleiben, da hilft nichts.
Alles andere bleibt liegen, dann wird abgeerntet.“
Mit dem Kirschenanbau an steilen Hängenwaren erhebliche Mühen verbunden.
„Und da hat mein Mann sich sehr gequält dran, weil ja das gute Land, […]
das war natürlich das Koteletteland. Das war unten im Tal, aber das sollte nu nit genommen werden, zu damaliger Zeit, weil ja der Hof erstmal von der richtigen Landwirtschaft leben musste.“

Das Risiko beim Pflücken von der hohen Leiter zu stürzen war groß, dessen waren sich alle bewust. So versucht man sich gemeinsam mit anderen Anbauern abzusichern.
Jeder, der bei Tagesanbruch in die Plantage kam, rief: „Alibaba“.
Die schon Anwesenden antwortetet mit dem selben Ruf. So wusste jeder, wo man im Notfall Hilfe holen konnte. Einige Frauen beschrieben genau, wie man die Kirsche vom Ast zu brechen hat, damit der Stiel erhalten blieb. Deshalb wurden die Pflücker häufig „Kirschenbrecher“ genannt. Eine Kirsche ohne Stiel verlor an Werd, sowohl beim Verkauf als auch für den Eigenbedarf. Das Aroma geht verloren und sie verdirbt schneller.

Die Erntefeste fanden bei gutem Wetter statt, entweder im eigenen Garten oder an den Platz, an dem die letzen Kirschen gepflückt wurden. Dort entzündete man ein Lagerfeuer und es gab Kirschsuppe.

Anfang der 1960er Jahre verfügten nur sehr wenige Haushalte über eine Tiefkühltruhe.
Es war selbstverständlich, Kirschen für das ganze jahrvorrätig zu halten. So waren die Frauen nach dem Pflücken mit der Verarbeitung beschäftigt. Häufig erlernten sie diese von ihren Schwiegermüttern oder Müttern. Eine Frau erklärte, dass Süßkirschen nur mit Stein eingekocht werden sollten, weil sie ohne Stein keinen aromatischen Geschmack mehr haben. Werden die Süßkirschen entsteint, gab man ein paar Kerne in das Einkochglas.
Kirschkuchen gab es hauptsächlich zur Erntezeit, aber auch zu Festlichkeiten im Winter mit den eingeweckten Kirschen.

Der Gewinn war von den 1960er Jahren bis in die 1970er Jahren hinein ausgesprochen gut, danach nahm er stätig ab. Bis in die 1980er Jahre verkauften die Kirschenanbauer große Mengen Kirschenan Privatkunden. Dieses einträgliches Geschäft ging zurück, als Konserven günstig im Supermarkt angeboten wurden und frisches Obst saisonal unabhängig verfügbar wurde.

Text Sabine Knappe
Layout Oliver Ortmann

Kirschen aus Witzenhausen

Die Kirsche und Witzenhausen

In Deutschland wurden 2008 646 Süßkirschen und 174 Sauerkirschensorten gezählt.
Man muss dabei bedenken, dass viele Kirschen regional eigene Namen erhielten,
obwohl sie eine andere Herkunft hatten und überregional verbreitet sind, sodass durchaus Sorten mehrfach gezählt werden konnten [z.B.: Wendershäuser Ertragreiche ist identisch mit der Knauffs Schwarzen, ursprünglich aus Potsdam].

Bei den Süßkirschen wird unterschieden zwischen Herz- und Knorpelkirschen. Herzkirschen sind weicher, während Knorpel später reifen
und fester sind im Fruchtfleisch. In klimatisch „normal“ verlaufenden Sommern unterteilen die Bauern die Kirschenzeit in 7 Wochen:
Beginn: frühestens ab Mitte Mai; Auslaufend: Mitte/Ende August

Witzenhausen als Kirschenstadt
Witzenhausen ist eines der ältesten Kirschenanbaugebiete Deutschlands und eines der größten in Europa. 2008 wurden hier rund 150.000 Bäume auf 90 ha gezählt.
Belegt sind die Kirschen seit dem späten 16. Jahrhundert als Einnahmequelle neben dem Weinanbau. (Eckhardt, K.A.: Studia Wizzenhusana, 1530-1612).
Die Hochstämme wuchsen auf Äckern als Randbepflanzung oder auf Ackerterrassen,
wobei zwischen den Bäumen eventuell noch Kartoffeln oder Klee als Viehfutter wuchsen.

Eine Spezialisierung in Plantagen erfolgte jedoch erst in den 1920er Jahren.
Angepflanzt wurde das „Deutsche Normalsortiment“.
In Witzenhausen waren das 9 Sorten von 12 empfohlenen.
Das Sortiment wechselte je nach Ansprüchen der Kunden.
Aktuell werden dunkle, große und festfleischige Kirschen bevorzugt.
2008 wurden in Witzenhausen 57 Süßkirschensorten gezählt.
Darunter waren 53 alte Sorten (vor 1950), 4 neue plus 2 Sauerkirschsorten.
Der Schwerpunkt lag immer im Süßkirschenanbau.
Sorten, die nur in Witzenhausen vorkommen, sind die Frühe Spanische, die bis nach England verkauft wurde, die Oberrieder Pampel und die Steinknorpel.
Heute noch verbreitet sind beispielsweise Hedelfinger, Große Schwarze Knorpelkirsche, Schneiders Späte Knorpel und Büttners Rote Knorpelkirsche (Königskirsche).

Eine weitere Intensivierung erfolgte in den 90er Jahren mit der Umstellung auf kleinkronige Bäume und intensivem Plantagenanbau.
Heute sind über 80% der Sorten gefährdet, insbesondere die weichfleischigen Rotbunten.
Hier existiert das Vorurteil, dass helle Kirschen unreif seien.
In Witzenhausen werden Kirschen nur noch im Nebenerwerb angebaut.
Eine Konsequenz zum Sortenerhalt war 2007 die Gründung der Deutschen
Genbank Kirsche in Zusammenarbeit mit der Stadt Witzenhausen.

Sortenbestimmung
Eine der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zur Sortenbestimmung sind die Kirschsteine. Das Bundessortenamt besitzt eine umfangreiche Steinsammlung.
Das Leben der Witzenhäuser ist seit Jahrhunderten eng mit der Kirsche verbunden.

Eine Landfrau bringt es auf den Punkt: „Ich könnte mir gar nicht
vorstellen, mal so ganz ohne Kirschen zu leben, muss ich ganz ehrlich sagen. Bestimmt, wenn ich 80 oder, oder weiß ich, wenn ich das mal werden sollte
und ich bin noch fit, geh ich vielleicht nicht mehr auf die Leiter, aber unten rum pflück ich bestimmt noch.“ (aus Sonderausstellung: Universiät Kassel,
Stadt Witzenhausen, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen, Pomologen-Verein 2006, Kristina Krämer)

Der „Spitze“- oder auch „Spuckekuchen“ ist eine Witzenhäuser Spezialität.
Die wichtigste Zutat sind Süßkirschen mit Steinen. Die Kirschsteine verleihen dem Kuchen ein besonderes Aroma und geben ihm seinen Namen.

Zutaten:
500 g Quark
200 ml neutrales Pflanzenöl
200 ml Milch
10 EL Zucker
1 Päckchen Backpulver
550 g Mehl
3 Eier
2 Becher Schmand
1 Päckchen Vanillezucker
1 kg Witzenhäuser Kirschen (z.B. Kordia, Schneiders Spanische Knorpel, Hedelfinger oder Königskirsche)

Zubereitung:
Das Mehl mit 250 g Quark, 100 ml Öl, 100 ml Milch, 6 EL Zucker und dem Backpulver in einer Schüssel mit einem Schneebesen vermischen. Mit der Hand verkneten.
Der Teig soll nicht mehr an den Fingern kleben.
Ein Backblech mit Öl einfetten, den Teig darauf gleichmäßig verteilen (eventuell mit dem Nudelholz) und etwas eindrücken. Den restlichen Quark mit den 3 Eiern, dem Schmand, 100 ml Öl, 4 EL Zucker, 100 ml Milch
und dem Vanillezucker verrühren. Den Backofen auf 180 Grad vorheizen.
Die Quark-Eier-Masse auf den Teig streichen, Kirschen mit Stein darauf verteilen.
Rund 40 Min. im Ofen backen. Dazu schmeckt ein Glas Kirschwasser.

Text Sabine Knappe
Fotos & Layout cl&o

Quelle: A. Braun-Lüllemann, K. Hammer, V. Kulessa, A. Ploeger: Erhaltung der
Süßkirschensortenbestände in Hagen am Teutoburger Wald und in Witzenhausen, 2008
Deutsche Genbank Kirsche, Pillnitz